Vorwort zu Die Weisheit des Misthaufens: Expeditionen in die biodynamische Landwirtschaft

Vorwort

Mittlerweile ist es so weit: Irgendwann gelangt man sogar beim Trinken von Wein oder Champagner zu dem Begriff biodynamisch. Einige der teuersten Gewächse werden inzwischen nach dieser Anbauweise hergestellt  – aber was steckt dahinter? Erstaunlich viel, wie ich irgendwann feststellte. Und es ist mehr in der Flasche drin als die richtige Konstellation der Gestirne beim Lesen der Trauben oder Abfüllen der Weine.

Vor allem steht die biologisch-dynamische Bewegung für eine erstaunliche inhaltliche Vielfältigkeit. Debattiert wird über Goethe, überdüngte Böden, Kuhhörner, Kuhmist, Hybride als Hooligans, Züchtung von Rosenkohl, Kleberanteil beim Brotbacken und natürlich auch über die Schwingungen an sich, über die Erweiterung des naturwissenschaftlichen Weltbildes und über «Instant Karma» (John Lennon). We all shine on. Dieser Vielfältigkeit trägt dieses Buch Rechnung, und der interessierte Leser kann so nach eigenem Belieben in den vier Teilen unabhängig herumschmökern.

Gerne wird die auf den Gedanken Rudolf Steiners begründete biodynamische Landwirtschaft als obskur dargestellt, aber letztlich müssen sich all diese Ideen in der täglichen Praxis beweisen. Ausführlich zu Wort kommen in der ersten Expedition die Landwirte des Dottenfelderhofes in der Nähe von Frankfurt, dort, wo 1954 nach dem Krieg der DemeterBund wiedergegründet wurde. Dargestellt wird auch der Unterschied zwischen «Bio» und «Biodyn» sowie das Organismusprinzip, der Eckpfeiler der Biodynamie. Dieses ist, nebenbei bemerkt, inzwischen auch in der Wissenschaft angekommen. 

Danach folgt ein Schnelldurchgang durch die Biographie des Initiators der Biodynamie: Rudolf Steiner und sein Landwirtschaftlicher Kurs, den er 1924 vor betuchten Gutsbesitzern hielt. Was immer man über Steiner denken mag, ein Stubenhocker war er nicht. Expedition Nummer 3 wartet mit zwei großen Themenschwerpunkten auf, zuerst Stickstoff und Fitz Haber. Gerne wird behauptet, dass das Haber-Bosch-Verfahren, mit dem unter hohem Energieaufwand der Stickstoff aus der Luft industriell verfügbar gemacht wird, die Menschheit vor dem Verhungern bewahrt hat.

Tatsächlich aber wurde das Verfahren entwickelt, um Deutschland im Ersten Weltkrieg überhaupt konkurrenzfähig zu halten. Kunstdünger ist Sprengstoff, und die Aversion der Biodynamiker gegen dieses Material ist durchaus nachvollziehbar.

Der zweite Schwerpunkt behandelt Glyphosat. Hier geht es um die Rolle, die dieses umstrittene Mittel in der PestizidTretmühle einnimmt und welche Alternativen die Konzerne in ihren Laboratorien wirklich testen.

Expedition 4 schließlich führt zu einem meiner Lieblingsthemen: Geschmack und Champagner. Bekanntschaft macht der Leser mit Jean-Baptiste Lécaillon, der das weltberühmte Champagnerhaus Louis Roederer konsequent auf Biodynamie umstellt. Warum macht der Mann das? Er könnte auch auf Nummer sicher gehen und Glyphosat spritzen lassen. Stattdessen vertraut er der Weisheit des Misthaufens.

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