DAS GREMIUM TESTET DIE DAMENWAHL: ROSÉS (mit Pirat) - ALFRED GRATIEN, JACQUART, LANSON, POMMERY, RUINART, SEKTGUT BARTH

Rosé-Champanger: Man trinkt in mit Zurückhaltung, in kleinen Schlucken, Gaumen und Geschmacksnerven angespannt. Am liebsten schaut man dabei ins Glas, um zu beobachten, wie die kleinen Bläschen zur Oberfläche vorstoßen und dann sprühnebelartig aufzuplatzen. Wer dabei genau hinsieht, kann für Millisekunden ein blaugrünes Schillern in dem Rosé-Ton des Weines beobachten. Dann verändert sich der Farbton wieder, vielleicht in ein dezentes Blaßgolden. Rosé-Champagner, das ist Farbe, Romantik, Eleganz und Leidenschaft. Der perfekte Aperitif, aber auch ein idealer Begleiter für ein Rendezvous oder gar ein schönes, auffallendes Geschenk. Und vielleicht gerade deshalb ein Trend beim deutschen Wein-Liebhaber.

Rosé-Champagner boomt seit mehreren Jahren. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Tatsächlich schmeckt Rosé so gut, daß einige Champagner-Häuser in Reims und Epernay inzwischen Probleme haben, die steigende Nachfrage zu befriedigen. Ein Brut ohne Jahrgang muß für die zweite Gärung auf der Flasche mindestens 15 Monate im Keller lagern, aber bei qualitätsorientierten Herstellern sind es im allgemeinen drei Jahre. Zum einen greifen immer mehr Konsumenten zu einem jugendlichen, sehr frischen Rosé, andererseits gibt es die Liebhaber der gereiften, alten Jahrgangschampagner mit viel Körper.

Das Besondere am Rosé ist seine vielschichtige Attacke auf unsere Sensualität: Da sind nicht nur die Farben von weichem Rosa über lachsfarben bis hin zu einem dichten, kräftigen Rot, die unsere Phantasie anregen; da sind betörende Geschmackseindrücke, die von Kirsche, Himbeere, Erdbeere, schwarze Johannisbeere bis hin zu Vanille, Weilchen und Nelke reichen. Gerne vergleichen die Kellermeister der Champagne ihre Arbeit mit der eines Malers: Je mehr Farben dieser habe, desto besser für sein Gemälde. So auch beim Rosé-Champagner.

Die Champagne ist das einzige französische Weinanbaugebiet, in dem ein Rosé durch Verschneiden von Weiß- und Rotwein hergestellt werden darf: Einer Assemblage aus weißen Grundweinen kann bis zu 20 Prozent Rotwein hinzugefügt werden. Da sich mit dieser Technik am besten der gewünschte Rosé-Farbton erzielen läßt, arbeiten die meisten Kellermeister nach dieser Methode. Die zweite Möglichkeit besteht in einer kurzen Mazeration: Fruchtfleisch und Haut der Pinot-Noir- oder Pinot-Meunier-Trauben verbleiben in Kontakt mit dem Most, dies führt innerhalb von 48 Stunden zur Extraktion der Farbsubstanzen. Zusätzlich ist eine dritte Praxis möglich: Ein Kellermeister kann diese beiden Spielarten kombinieren, also eine Assemblage aus weißen Grundweinen plus Rotwein mit einem Rosé aus der Mazeration vermählen.

Natürlich evoziert der Genuß eines Rosé die Frage nach der Weiblichkeit. Im allgemeinen gilt Champagner als Unisex-Getränk, Rosé aber verkörpert Damenwahl. Und er verkörpert auch den gesellschaftlichen Trend einer feminineren Umwelt, in der Frauen offener als früher ihre Wünsche äußern und entsprechend kaufen und konsumieren. Keine Frage, früher wurde Rosé von den männlichen Weintrinkern belächelt, heute läßt das die selbstbewußte Frau nicht mehr gefallen. Siehe dazu auch den Artikel von Christian Göldenboog im Sommelier-Magazin:
http://www.champagne.de/champagne/professionnals-press.php?idTypeDoc=135

Das Gremium degustierte fünf Rosé-Champagne brut ohne Jahrgang sowie einen Piraten - wie immer blind.

CHAMPAGNE ALFRED GRATIEN CUVEE PARADIS
CHAMPAGNE JACQUART BRUT MOSAÏQUE ROSE
CHAMPAGNE LANSON ROSÉ LABEL
CHAMPAGNE POMMERY ROSE SPRINGTIME
CHAMPAGNE RUINART BRUT ROSE
DER PIRAT: BARTH SPÄTBURGUNDER WEIßHERBST

1. CHAMPAGNE POMMERY ROSÉ SPRINGTIME
Dezente Farbe, im Geruch diskrete rote Aromen. Dieser Wein ist fruchtig, frisch und seine Säure perfekt in die Fruchtkomponenten eingebunden. Wir schmecken Erdbeeren und, der Kenner weiß es zu schätzen, auch Sauerkirschen. „Ein Champagner, wie ich ihn erwarte", kommentierte ein Tester. Damit war gemeint: Die Erwartungshaltung sehr hoch gesetzt, dieser Wein erfüllt uns rundweg. Mehr noch: Dieser Pommery Rosé setzt mit Frische und Eleganz den Standard.

2. DER PIRAT: BARTH SPÄTBURGUNDER WEIßHERBST
Sehr zurückhaltende Frucht, am Gaumen reif. „Ein Wein, der sich gesetzt hat", kommentiert ein Tester. Allerdings: Die Farbe wirkt eigenartig. In das Rosé mischen sich gelbliche und bräunliche Töne. Wir vermuten einen Piraten.

3. RUINART BRUT ROSÉ
Eine kräftige rote Farbe und saftige rote Früchte in der Nase führen zu einer einhelligen Meinung: „Dies ist der Champagner, der als Rosé am einfachsten zu identifizieren ist." Das abschließende Urteil ist gespalten. Die volle Frucht führt bei einem Tester zu dem Kommentar: „Hier fehlt mir die Eleganz." Ein anderer lobt diesen Früchtekorb als idealen Nachmittagswein.

4. LANSON ROSÉ LABEL
Dieser Wein präsentiert sich farblich diskret, mit einer klaren Säure in der Nase und im Gaumen. Frische Erdbeeraromen. Erstaunlich, wie weich er trotz seiner Säure daherkommt. Dies muss der Wein  einem längeren Reifeprozeß im Keller verdanken - so zumindest  die einmütige Einschätzung der Tester. 


5. CHAMPAGNE JACQUART BRUT MOSAÏQUE ROSE
Ein Früchteeintopf, wie man ihn mit dem farblich vollen Rosé-Ton assoziiert. Ein Wein zu einem Erdbeerkuchen. Dieser Champagner wirkt auf zwei Tester allerdings zu parfümiert.

6. CHAMPAGNE ALFRED GRATIEN CUVÉE PARADIS
Schon die Farbe - ein eleganter Kupferton mit einem Schimmer Orange - weckt die Neugierde. Aromen von grünem Zitrus, Hagebutte und Minze, niemand denkt hier an einen Rosé. Sehr präsente Säure, die immens wird, je länger der Wein im Glas ist. „Was sagt uns die hohe Säure? Dieser Champagner hat keine malolaktische Gärung hinter sich", schlußfolgert ein Tester glasklar. An der Säure scheiden sich die Geister: Eine Fraktion empfindet sie als unangenehm, die anderen mögen sie. „Dieser Champagner muß nach einem Halbmarathon getrunken werden. Zwei Schlucke, und man läuft gleich weiter." Ein anderer Tester empfiehlt diesen komplexen, würzigen und nervigen Wein wegen seiner gleichzeitigen Frische als Abschluß eines langen Abendessens.  

Abschließende Bewertung:

Zwei Themen beherrschen die abschließende Diskussion und das weitere Leeren der Flaschen:
1. Was ist nur mit Pommery los?
2. Wie schwierig wäre es tatsächlich, einen solchen Champagner in einem schwarzen Glas als Rosé zu identifizieren.

Zu 1.
Was ist nur mit Pommery los? Dies ist nun der dritte Champagne von Pommery gewesen, der vom Gremium getestet wurde - und jedesmal standen die Cuvées von Kellermeister Thierry Gasco auf den Spitzenplätzen. Dies war vor allem beim Blanc de Blancs Summertime der Fall- ein Champagner, der wie der Sommer schmeckt - und auch am Blanc de Noirs Wintertime erfreute sich das Gremium. Und jetzt dieser Rosé!  Pommery Springtime ist von allen Testern als der eleganteste und gleichzeitig frischeste Rosé eingestuft worden. Und dies, obwohl das Haus bei vielen Weinjournalisten immer noch nicht die Achtung erhält, die ihm zusteht. Wie sagte doch einst der altdeutsche Philosoph: „The proof of the pudding is in the eating."

Zu 2.
Würde man einen Rosé im schwarzen Glas degustieren, erlebte so mancher sein blaues Wunder: Sowohl Gratien als auch Lanson sind wegen ihrer Säure und diskreten Frucht - beide Häuser verzichten auf den Milchsäureabbau - unabhängig ihrer Farbe schwer als Rosés zu identifizieren. Bemerkenswerterweise favorisieren die Tester die diskreten Rosé-Noten: Sowohl Ruinart als auch Jacquart suggerierten mit ihren kräftigen Farbtönen eine Erwartungshaltung, bei der man sich fragt, ob sie bewußt von den Champagner-Firmen eingesetzt wird. „Diese saftigen Fruchtfarben müssen gekonnt eingesetzt werden - vielleicht zu einer noblen Gartenparty", lautete ein Kommentar. „Wenn ich diesen Ruinart Rosé im Glas habe - es ist zwar kaum noch etwas drin -, ist mir schon die Kraft der Farbe zuviel für einen Rosé", kommentierte ein anderer Tester eloquent unser aller Dilemma und genoss seinen den letzten Schluck.

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