DIE 12. GREMIUMSSITZUNG IM MÄRZ 2010: Moët & CHANDON UND ROEDERER UND DER EXZEPTIONELLE JAHRGANG 2003

Das Gremium hat sich neu formiert und diesmal einer besonderen Herausforderung angenommen: Degustiert wurden die seltenen Weine des ungewöhnlichen Jahrgangs 2003.

In 2003 war das Klima  in der Champagne sehr extrem: Es begann zum einem mit den schlimmsten Frösten, mit denen die Winzer seit 1957 konfrontiert wurden. Gleichzeitig kam es zur frühesten Blüte seit 1971 und am Ende stand der niedrigste Ertrag seit 1985. Der Winter des Jahres 2003 war, besonders kalt, mit vier Wochen Frost im Januar und Februar. Im März folgte unerwartet mildes Wetter und die Rebstöcke schlugen daher sehr früh aus. Am 7., 9., 10. und 11. April kam es wieder zu Frost, das Thermometer zeigte Minusgrade von 11 Celsius. Dabei wurden 13.000 Hektar Rebfläche in Mitleidenschaft gezogen, manche Lagen wurden gänzlich vernichtet, insbesondere in den Anbaugebieten der Côte de Blancs.

Vergleichbare Schäden gab es seit über 50 Jahren nicht mehr. Und es ging weiter: Im Frühling und im Frühsommer entwickelte sich das Wetter nicht weniger ungünstig : zwischen Mai und Juli kam es zu acht Hagelschlägen, darunter einem orkanartigen Niede rschlag am 10. Juni, der Reben auf 650 Hektar vernichtete, die vom Frost verschont worden waren. An Winterkälte und Frühlingsschauer schloß sich ein ebenso extremer
Sommer mit drei Monate währender Hitze an. Insbesondere im August wurden bis dato nie gekannte Spitzentemperaturen gemessen. Die Sonnenscheindauer überstieg die Ergebnisse des Rekordjahres 1959 um
glatte 500 Stunden. Alles in allem war der Sommer 2003 der heißeste seit den Aufzeichnungen der Wetterstatistiken. Die Lese begann, mitten in der klassischen Urlaubsperiode der Winzer, am 18. August - so früh wie seit dem Jahr 1822 nicht mehr. Kein Wunder, daß sich die meisten Önologen daher auf ihren Brut ohne Jahr konzentrierten. Nur wenige Häuser und Winzer stellten einen Jahrgangschampagner her. Ausnahmen aber waren unter anderem Jean-Baptiste Lecaillon, Chef de Caves von Champagne Louis Roederer, sowie Benoît Gouez, Kellermeister bei Moët & Chandon.

Die vier Champagner, die das Gremium wie immer blind verkostete, waren:

CHAMPAGNE MOËT & CHANDON GRAND VINTAGE 2003
CHAMPAGNE LOUIS ROEDERER BRUT MILLÉSIMÉ 2003
CHAMPAGNE MOËT & CHANDON GRAND VINTAGE ROSÉ 2003
CHAMPAGNE LOUIS ROEDERER BRUT MILLÉSIMÉ ROSÉ 2003

In der ersten Runde wurden die beiden weißen Champagner degustiert.

CHAMPAGNE MOËT & CHANDON GRAND VINTAGE 2003
Eine zitronengelbe Farbe macht sich im Glas breit. In der Nase eine eher seltsame Überraschung: Der Wein läßt ein gewisses Alter erahnen. Hat man es hier mit einem Erlebnis zu tun, nach dem man sich sehnt? Freilich, dann eine weitere Überraschung, denn im Gaumen präsentiert sich dieser Wein völlig anders: Ein ausgewogner, aber auch frischer Champagner, der sehr buttrig daherkommt. Ein Experte denkt an einen weißen Burgunder. Ein sehr ausgewogener Champagner, etwas für Liebhaber. Wird er im Glas wärmer, treten animalische Noten in den Vordergrund. Der Grund dafür liegt in der Assemblage: 43 Prozent Pinot meunier, 29 Prozent Pinot noir und 28 Prozent Chardonnay. Dosage ist fünf Gramm pro Liter.

CHAMPAGNE LOUIS ROEDERER BRUT MILLÉSIMÉ 2003
Es ist eindeutig: Dieser Champagner hat mehr Säure als das erste. Kein Wunder, denn hier wurde bewußt auf die malolaktische Gärung verzichtet. Die Farbe geht ins leicht rötliche, was einen Tester zu dem gewagten Vergleich evoziert: „Diese Farbe erinnert mich sofort an die untergehende Frühsommersonne in den baltischen Staaten." Sehr schön und aufregend also. Die Nase ist diskret, im Gaumen dominiert die Frische und verhalten Zitrone, im Abgang kommt Vanille zu Vorschein. Ein Champagner, der trotz seiner Frische von einer kräftigen Struktur umhüllt ist.

Fazit: Beide Weine sind sehr unterschiedlich, haben aber eine perfekt geringe Dosage. Sie sind im Prinzip auch nicht vergleichbar - zwei unterschiedliche Stilrichtungen präsentieren sich hier. Ein Tester gibt zu bedenken, daß der Moët & Chandon Grand Vintage 2003 vor einem halben Jahr nicht die schöne Buttrigkeit aufgewiesen habe. Er präsentiert sich heute runder als der Roederer. Wie dem auch sei, beide Champagner. sind nur etwas für den Kenner. Oder die Kennerin. Alle anderen sollten mit einfacheren Weinen beginnen.

CHAMPAGNE MOËT & CHANDON GRAND VINTAGE ROSÉ 2003
Roten und schwarze Früchte wie Erdbeere und Kirsche entfalten sich sehr schnell in der Nase, die auch im Gaumen präsent sind. Dies isei in reifer, intensiver und warmer Champagner, jubelt ein Tester. Alles ganz nach seinem Geschmack. Schon die dunkle Farbe verrät, daß wir es hier mit einem Eintopf eingemachter Früchte zu tun haben. Im Finale dominieren Kaffee- und angenehmen Lakritznoten. Auch diese Cuvée hat mit 30 Prozent einen hohen Meunier-Anteil, seine kräftige Farbe hat er dank eines Zusatzes von 19 Prozent Rotwein

CHAMPAGNE LOUIS ROEDERER BRUT MILLÉSIMÉ ROSÉ 2003
Frisch, aber doch kräftig - so präsentiert sich dieser außergewöhnliche Wein. 70 Prozent Pinot noir and 30 Prozent Chardonnay verbinden sich zu einer vinösen Attacke auf unsere Geschmacksnerven. Erdbeeren, aber auch etwas Zitrus und Toastnoten machen sich im Finale breit. Ein konzentrierter Wein mit langem Nachhall. Einem halb feuchten Schokoladenkuchen könnte er als Begleiter nicht standhalten, erklärt ein Tester etwas deplaziert. Aber alle sind sich einig: einem Sashimi vom Thunfisch schon.

 

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